Schreibregeln sind Schreibempfehlungen: 5 Gründe

Zuletzt bearbeitet am 01/03/2021 by mittelrhein-text

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Schreibregeln sind Erzählstrategien und Mittel, die sich für das Schreiben von Romanen und Geschichten bewährt haben.

Im 19. Jahrhundert beispielsweise dominierte die auktoriale Erzählweise, in der der Autor „allwissend“ ist. In der auktorialen Perspektive blickt der Erzähler auf das gesamte Handlungsgeschehen. Er kennt die Zusammenhänge und alle Figuren gleichermaßen.

Obwohl es bereits im 19. Jahrhundert in Mode war, ist das auktoriale Erzählen auch heute noch nicht out. Das beweist unter anderem Pierre Lemaitre mit seiner Trilogie Die Kinder der Katastrophe. Seine Romane handeln vom Ersten Weltkrieg und der Zeit danach bis hin zum Zweiten Weltkrieg. Louise, die 30-jährige Protagonistin des dritten Bands, war im zweiten Band noch ein Kind von zehn Jahren.

Für diese relativ altmodische Erzählweise wurde Lemaitre mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Die Kinder der Katastrophe ist zeitlose Literatur.

Pierre Lemaitre ist kein unbekannter Autor. In den Jahren zuvor hat er Thriller veröffentlicht. Du kannst also davon ausgehen, dass er die Regeln beherrscht. Indem er sich einer weniger modernen Erzähltechnik bediente, hat er einen Riesenerfolg gelandet.

Zu Schreibregeln ist alles gesagt. Nur nicht von allen.

Heute werden Nachwuchs- oder Hobbyautoren von Ratschlägen geradezu erschlagen. Das wäre nicht weiter schlimm, man sucht sich halt das Beste heraus. Wenn aber Ratschläge sich verselbständigen und zu unumstößlichen Regeln werden, kann aus der besten Idee schnell der schönste Murks entstehen. Berühmt-berüchtigt ist beispielsweise die Aufforderung Show don’t tell, die aus der Filmbranche in den Schreiballtag hinübergeschwappt ist. Wenn dieser Ratschlag als Regel immer und überall zu gelten hätte, hätte Lemaitre mit seinem narrativen Erzählen eine literarische Todsünde begangen.

Blindes Vertrauen in Regeln ist kein guter Ratschlag. Es führt zu Unsicherheit und Zweifel über die eigenen Fähigkeiten. Die Folge: In Foren tauschen sich angehende Autoren darüber aus, ob man Sie war traurig schreiben darf oder ob auch das noch durch eine Handlung gezeigt werden müsse.

Die Antwort lautet: Es kommt immer auf den Gesamtzusammenhang an. Mal ist sie traurig, mal stopft sie Schokolade in sich rein und legt eine Adele-Platte auf. Das entscheidet ihr und sonst niemand.

Warum Schreibempfehlungen?

Es gibt verbindliche Regeln zu Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung. Aber es gibt keine Regel für einen Roman als solchen. Die Regeln, die du in unzähligen Schreibratgebern findest, betreffen Erzählkonventionen und Mittel, mit denen du eine bestimmte Wirkung erzielen kannst. Aber zu jeder Regel, die im Internet aufpoppt, findest du zehn Gegenbeispiele in der Buchhandlung deines Vertrauens.

Im englischsprachigen Creative Writing wird von tools, von Werkzeugen, gesprochen. Nichts anderes sind die deutschen Schreibregeln. Sie sind Werkzeuge, mit denen du ein Produkt, wenn du damit nicht zufrieden bist, reparieren kannst.

Erzählstrategien und erzählerische Mittel ändern sich

Das Erzählen spannender Geschichten folgt Mechanismen, die sich über Jahrtausende bewährt haben. Odysseus, Parzival, die Beowulf-Sage und viele andere Geschichten befriedigen eine Sehnsucht, die tief im kollektiven Unterbewusstsein aller Epochen und Kulturen verankert ist.

Gleichzeitig haben sich in der Moderne die Lebensumstände der Menschen verändert. Technik, Wissenschaft und Kultur brachten neue Erzählstrategien und ein neues Leseverhalten mit sich. Themen der Literatur sind noch immer die zeitlosen Konflikte. Nur die Art und Weise, wie sie erzählt werden, ist moderner geworden.

Was du daraus lernen kannst: Ohne Missachtung der alten Regeln hätte es keine Veränderung zum modernen Erzählen gegeben.

Schreibempfehlungen beruhen auf der Erfahrung ungezählter Autorengenerationen. Aus diesem Grund solltest du die Werkzeuge kennen.

Warum viele Autoren von Schreibregeln die Nase voll haben

Regeln haben ihren Sinn und Zweck. Trotzdem fühlen sie sich manchmal wie ein Korsett an. Zum Beispiel Höflichkeitsregeln: Du bist geduldig wie ein Lamm. Stellst dich brav in der Kassenschlange an. Aber wenn dir der Vollhonk zum zehnten Mal seinen Wagen in die Hacken rammt, explodierst du. Zurecht.

Regeln, wenn sie als unfehlbar interpretiert werden, zwängen die eigene Kreativität ein und stören das freie und ungezwungene Erzählen.

Oder motivieren dich diese Beispiele?

  • Nie mit dem Wetter anfangen
  • Nie mehr als ein Adjektiv benutzen
  • Kein Prolog
  • Einen großen Bogen um Spiegel machen
  • Inneren Zustand einer Figur permanent ändern
  • Roman: Anfang, Mitte und Ende als Teile 1–2–1 gewichten

Zusammengenommen sind sie ein Kreativitäts-Killer.

Warum Schreibwerkzeuge für Autoren nützlich sind

Durch Schreibempfehlungen wirst du in die Lage versetzt, typische Anfängerfehler zu erkennen und zu vermeiden. Je öfter du Texte mit Blick auf Schreibempfehlungen überarbeitet (nicht geschrieben) hast, um so intuitiver geht dir das Ganze von der Hand.

Erfahrene Autoren schreiben automatisch auf einen Konflikt zu, halten Dialoge kurz und setzen Adjektive sparsam ein. Als Anfänger lernst du das, indem du deinen Text überarbeitest.

Die Qualität eines Textes hängt nicht davon ab, ob alle Schreibregeln befolgt wurden. Schreibempfehlungen beleuchten Teilaspekte. In jeder Empfehlung schwingt daher die Ausnahme mit. Und Ausnahmen sind es, die dazu beitragen, etwas Originelles zu erschaffen.

Wenn du gelernt hast, wozu ein Hammer da ist, kannst du den Nagel auch mit einem Eisen in die Wand schlagen. Wichtig ist, dass du die Werkzeuge kennst, mit deren Hilfe Schwächen im Text ausgebügelt werden können.

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