Irgendwo bellte ein Hund. 6 Phrasen und wie du sie vermeidest

Zuletzt bearbeitet am 22/05/2020 by mittelrhein-text

Irgendwo bellte ein Hund

Die deutsche Sprache steckt voller Klischees und Phrasen. In der Umgangssprache fällt das nicht großartig auf. Peinlich wird es nur, wenn eine Phrase in deinen Text rutscht und dir erst dann auffällt, wenn es zu spät ist. Hier erfährst du, worauf du bei Phrasen und Redewendungen achten solltest.

#1 Sie öffnete die Tür und wurde kreidebleich

Warum ist das trivial?

Kreidebleich ist ein Allerweltswort. Durch übermässigen Gebrauch, auch in der Alltagssprache, hat es seine Wirkung eingebüßt. Es ist abgenutzt. Der Zustand, der damit ausgedrückt werden soll, ist relativ. Manche Leute sollen schon beim Blick auf ihren Kassenbon kreidebleich geworden sein.

Erschrecken, Entsetzen oder Grauen einer Figur beschreibst du besser mit einem frischeren Begriff. Oder du zeigst es konkret: Sie öffnete die Tür und hätte um ein Haar ihr Baby fallen gelassen.

#2 Die nächsten Stunden erlebte er wie in Trance

Du möchtest darstellen, dass eine Figur ihre äußere Umgebung nicht oder kaum noch wahrnimmt. Dafür verwendest du die Phrase wie in Trance.

Warum ist das gut gemeint, aber nicht gut gelungen?

Was du wahrscheinlich nicht bedacht hast: Ein Trancezustand ist in Wirklichkeit ein medizinischer Notfall, der schwere Folgen nach sich ziehen kann. Auch Drogen können eine Bewusstseinsveränderung à la „wie in Trance“ herbeiführen. Du möchtest mit deinem Satz aber etwas anderes ausdrücken. Und das zeigst du am besten konkret: Was hat er in den Stunden getan und was nicht? Gibt es äußere Einflüsse, hat das Telefon mehrmals geklingelt (ist er dran/nicht dran gegangen), hat sich die Tageszeit geändert (ist es dunkel/hell geworden), hatte er zuvor etwas begonnen und nicht beendet (das Blatt Papier ist immer noch weiss). Daraus erschließt sich für den Leser, dass deine Figur einfach so herumgesessen hat. Halt wie in Trance 😉

#3 Kaum hatte sie den Satz gesagt, hätte sie sich am liebsten auf die Zuge gebissen

Warum ist der Satz falsch?

Die Redewendung sich auf die Zunge beissen steht für sich beherrschen und etwas nicht sagen.

Im Nachhinein kann die Figur auf alles mögliche beissen. Der Satz, den sie gesagt hat, bleibt trotzdem für immer in der Welt.

„Sich auf die Zunge beissen“ ist ausserdem aus der Mode gekommen. Für dich ist das kein Verlust. Du kannst es besser: Kaum hatte sie den Satz gesagt, verfluchte sie ihr loses Mundwerk.

#4 Nach dem verschwundenen Kind wurde fieberhaft gesucht

Ist dir schon einmal aufgefallen: Fieberhaft tritt fast immer in Passiv-Konstruktionen auf. Nach dem verschwundenen KInd wurde fieberhaft gesucht. Niemand sagt: Wir suchen fieberhaft nach dem Kind. Oder die Polizei: Wir suchen fieberhaft nach dem Einbrecher.

Mit fieberhaft soll ausgedrückt werden, dass engagiert an einer Sache gearbeitet wird. Nicht mehr und nicht weniger.

Wenn die Polizei in deinem Krimi fieberhaft fahndet, charakterisierst du – ungewollt – deine Ermittler als nicht bei voller Gesundheit, unbesonnen und nicht bei klarem Verstand.

Und das möchtest du nicht.

Gönn deinen Fahndern ein kräftigeres Bild. Beschreibe die Fahnungsmaschinerie mit zwei, drei aussagekräftigen Details.

#5 Meine Gefühle fuhren Achterbahn

Du möchtest ausdrücken, dass du hin- und hergerissen bist. Du bist machtlos. Ein Ringrichter deiner widerstreitenden Gefühle. Opfer deines inneren Kampfs.
Mit anderen Worten: Ein Konflikt, der für deine Leser spannend ist.

Was hat das jetzt mit einer Achterbahn zu?

Genau. Nichts.

Eine Achterbahn ist laut und das Gekreische groß. Lärm, Rummel, Radau. Noch ein Bier und du musst dich übergeben.

Das möchtest du nicht.

Starte stattdessen einen inneren Monolog und zeige, wie deine Gefühle miteinander kämpfen. Oder beschreibe das äußere der Situation: Was passiert mit dir, wenn du ein gutes Gefühl hast? Und was nimmst du bei einem schlechten wahr?

#6 Irgendwo bellte ein Hund

Der Klassiker. Eine atmosphärisch dichte Schilderung, vielleicht ist es Nacht, deine Figur überquert die Bahngleise, hat das Dorf bald hinter gelassen. Und dann streust du ein: Irgendwo bellte ein Hund.

Der Satz passt perfekt in die Szenerie und dennoch bedienst du damit ein Klischee.

Warum ist das so?

Quer durch die Literaturgeschichte ist der bellende Hund zu einem running gag geworden. Rosecrans Baldwin, US-Autor, hat sich mal den Spaß gemacht, die Tier-Nebenrolle statistisch zu untersuchen. Herausgekommen ist eine interessante Theorie: Er betrachtet – augenzwinkernd – den bellenden Hund als geheimes Erkennungszeichen unter eingeweihten Autoren. Eine gegenseitige Bestätigung dafür, dass man im Literaturgeschäft „angekommen” ist.

Eins ist sicher: Der bellende Hund wird nicht aussterben. Ganz im Gegenteil – er befindet sich in bester Gesellschaft.

Was Software kann – und was nicht

Computer-Programme bieten großartige Möglichkeiten, um Autoren zu unterstützen. Mein persönlicher Favorit ist Bibisco, hier gibt es einen Beitrag dazu: Einen Roman schreiben: 9 gute Gründe für die Autorensoftware Bibisco.

Ein weiteres Hilfsmittel ist LanguageTool. Zwar ist das Programm keine Autorensoftware, dafür aber ein schlanker Helfer, der beliebte Schnitzer schon beim Schreiben erkennt. Wie du eigene Texte Korrekturlesen kannst und trotzdem glücklich bleibst.

Was Software nicht ersetzen kann, ist das menschliche Textverständnis. Irgendwo bellte ein Hund ist ja nicht grundsätzlich falsch, sondern nur ein kleines bisschen. Aber genau das macht den Unterschied. Wenn du sichergehen willst, dass dein Manuskript frei von Phrasen ist, empfehle ich dir mein Self-Publisher Lektorat.

4 Gedanken zu „Irgendwo bellte ein Hund. 6 Phrasen und wie du sie vermeidest“

  1. Bei diesem Text fuhren meine Gefühle Achterbahn 😉 Wirklich interessant und hilfreich um Floskeln zu vermeiden!

    Antworten
  2. Sehr geehrter Hr. Volker Bender,
    Durch Zufall fand ich im I-Net gerade ihre hilfreichen Posts zu Bibisco und möchte mich herzlich dafür bedanken! Auch den “Phrasen-Vermeidungspost” las ich gerade aufmerksam durch.

    Ich bin im Begriff, gerade zum ersten Mal überhaupt ein Buch zu schreiben (nicht alleine, ich nehme dieses Projekt mit einem Co-Autor in Angriff) und habe gehörigen Respekt, ja, nachgeradezu ein bißchen Furcht davor, es zu beginnen. Das berühmte Klischee des “leeren weißen Blatts Papier”, das vor einem liegt, ist in meinem Fall tatsächlich Fakt. Auch deshalb, weil der Handlungsstrang hochkomplex, die agierenden Protagonisten viele und vielfältig sind und der Roman selbst noch den zusätzlichen Schwierigkeitsgrad birkt, wissenschaftlich untermauert, aber trotzdem Fiktion zu sein.
    (Der Roman spielt in der Zeit von vor 300 000 Jahren und erzählt die Geschichte eines Clans/einer Gruppe von Homo Heidelbergensis, die in Schöningen, Deutschland, am Schöninger See ansässig sind – das nur zur Info.)
    Obwohl ich schon einiges geschrieben und auch veröffentlicht habe – hauptsächlich Artikel und Kurzgeschichten – ist dieses Projekt aus dem Grund so “furchteinflößend” für mich, weil ich eine unheimliche Verantwortung gegenüber dem Leser empfinde, der – und das wäre meine Kernintention – ja komplett in diese urzeitliche Welt eintauchen können soll; diese saubere Luft, den Rauch des Feuers riechen und schmecken, die Insekten summen und zirpen hören, die Geräusche rund um sich wahrnehmen und generell am Leben dieses Clans teilnehmen können soll. Und dazu sollten natürlich alle möglichen (und unmöglichen) sozialen Interaktionen beschrieben werden, die der moderne HomSap heute auch kennt: Liebe und Hass, Furcht, Wut, Neid, Althruismus, psychische Auffälligkeiten, Trauer, Freude, etc….

    Die Intention meines Co-Autors und mir liegt darin, den Lesern zu zeigen, dass unsere Urahnen nicht diese sprachlosen, tumben Gestalten waren, als die sie von der breiten Masse noch immer wahrgenommen werden. (das typische Klischee vom fellbekleideten und keulenschwingenden Höhlenmenschen, der sein Weibchen an den Haaren in seine Höhle zieht, dürfte auch Ihnen noch bekannt sein, schätze ich…. ) Vielmehr waren sie hochkomplex denkende Wesen, die schon abstrakte Kunst und Musik kannten – wie aussagekräftige Funde die aus jener Zeit stammen, ausdrücklich beweisen.

    Diese Geschichte und den Aufbau, resp. die Entwicklung der Handlung und der Charaktere halte ich mit für das Schwierigste, dass ich mir je zugetraut habe und hätte – auch und nämlich deswegen, weil ich es mir als sehr schwer zu bewältigen vorstelle, den Überblick zu behalten und den Faden nicht zu verlieren.

    Trotzdem möchte ich dieses Projekt unbedingt durchziehen, denn es war schon sehr lange ein Traum von mir, ein Buch zu schreiben.
    Wenn Sie also Mitleid mit einer vor Lampenfieber schlotternden, angehenden Autorin hätten, wäre ich um Tipps – das Bibisco-Programm und vielleicht noch ein paar Persönliche Ihrerseits betreffend – sehr dankbar.

    Herzlichen Dank im Voraus und liebe Grüße aus dem österreichischen Edlitz b. Grimmenstein, Sabine Altmann

    Antworten
  3. Liebe Frau Altmann,

    ein wirklich großes Projekt mit einem spannenden Thema. Die meisten von uns werden spontan ein Bild vor Augen haben. Schreiben Sie mir einfach eine Mail (siehe: Kontakt) mit Ihren Fragen. Ich helfe Ihnen gerne mit Tipps!

    Herzliche Grüße
    Volker Bender

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

mittelrhein-text

mittelrhein-text

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du dich damit einverstanden.

Schließen