Ein Wanderbuch schreiben – Teil 1: Konzept

Wer ein Wanderbuch schreibt, möchte möglichst viele Leser damit erreichen. Um möglichst viele Käufer anzusprechen, sollte ein Konzept so exakt wie möglich am zukünftigen Leser ausgerichtet sein. Zwei Fragen sind entscheidend. Wer ist der Prototyp des Lesers, die Hauptzielgruppe? Und warum sollte dieser Leser gerade diesen einen Wanderführer kaufen?

Zielgruppe

Leser kaufen Wanderführer, weil sie …

  • … etwas für die Freizeit suchen. Vielleicht mit Freunden oder Kindern wandern und anschließend irgendwo einkehren. Ihr Ziel ist es, einen schönen Tag in geselliger Runde zu erleben
  • … wandern und gleichzeitig etwas über die Geschichte der Region erfahren möchten. Etwas über die heimische Tier- und Pflanzenwelt lesen. Zur Abrundung erwarten diese Leser einen Einkehrtipp, beispielsweise mit Bezug zur regionalen Küche
  • … an ihre Grenzen gehen möchten. Ab 30 Kilometern blüht diese Gruppe so richtig auf. Auch diese Leser möchten, müde und glücklich, nach ihrer Tour noch irgendwo einkehren und danach in ein weiches Bett fallen

Wenn die Antworten im Großen und Ganzen den ersten beiden Aussagen entsprechen, geht das Konzept in Richtung Freizeit-Wanderbuch. Die meisten Menschen wandern gern zwei oder drei Stunden, kehren am Zielort noch irgendwo ein und machen sich, nach ein paar gemeinsam verbrachten Stunden, wieder auf den Heimweg.

Ein Wanderer, der »an seine Grenzen geht«, repräsentiert eine Zielgruppe, der es um das Überbrücken größerer Entfernungen geht. Mehrere dieser Wanderungen aneinandergereiht, ergeben das Konzept »Tourenvorschläge für Fernwanderungen«. Bücher dazu beinhalten zusätzlich in aller Regel auch Tipps zu Ausrüstung, Ausstattung und dergleichen.

Ein Konzept sollte ein Thema klar und strukturiert abgrenzen. Wenn ein Freizeit-Wanderbuch auch die ein oder andere längere Tour vorsieht, ist das für die Zielgruppe noch kein Problem. Wenn aber hauptsächlich vier- bis fünfstündige Touren angeboten werden, wird der reine Freizeit-Wanderer abgeschreckt.

Noch einmal die Fragen: Wer soll das Buch kaufen und welche Ziele verbindet er damit?
Die Antwort darauf ergibt den Prototyp deines Wunschlesers. Und nur für den schreibst du.

Recherche / Routenplanung

Für Recherche und Planung stehen verschiedene Quellen zur Verfügung.

Tourist-Info

Gute Informationen für die Konzeption erhält man von den Tourismus-Abteilungen der Gemeinden. Oft kann man auf der Homepage anklicken, welche Themen einen interessieren und erhält wenige Tage später ein Info-Paket mit der Post. Wander- und Freizeittipps, Karten, Veranstaltungshinweise und allgemeine Informationen, die man in den späteren Text einfließen lassen kann.

Wanderkarten

Der Begriff »amtliche topographische Karten« klingt trocken und sie es auch. Gedruckte Karten sind in Zeiten von GPS und Google Maps praktisch out. Trotzdem sollte man während der Recherche nicht darauf verzichten. Maßstabsgenaue Karten liefern wertvolle zusätzliche Hinweise bei der Konzeptionierung. Für die grobe Planung eignet sich der Maßstab 1:50.000. Für die Feinplanung ist, wegen der Detailgenauigkeit, der Maßstab 1:25.000 sehr gut geeignet. Topographische Karten kosten im Handel um die 10 Euro.

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© pexels.com

Blogs

Wanderblogs liefern gute Hinweise in der Vorbereitungsphase. Auf welcher Strecke ist der Blogger gewandert, was hat ihm dort gut, was weniger gut gefallen. Gibt es Kommentare von Lesern, die der Strecke gefolgt sind, Bewertungen, usw.

Maps

Ob Google, Bing oder andere Kartendienste, mit Online-Maps kann man auf einen Blick erkennen, ob und welche Wege im Zielgebiet existieren. Ebenso leicht lassen sich Entfernungen abschätzen. Auch wenn die Navigation für Fußgänger nicht ganz so exakt ist, wie die für Autos, sind Online-Maps während der Vorbereitung unverzichtbar.

Webseiten

An vielen Stellen im Internet findet man brauchbare Routen, die in das eigene Konzept passen oder Ideen für eigene Wanderungen liefern können. Beispiele aus meiner Gegend: Der Jakobsweg von Koblenz nach Trier, der Bernkasteler Bärensteig, oder der Salamanderweg im Dortebachtal. Jede Verbandsgemeinde, die etwas auf sich hält, stellt ihre lokalen Wanderwege online, um Besuchern Ideen und Informationen zur Tagesfreizeit zu präsentieren.

Bibliotheken

Die örtliche Bibliothek ist ebenfalls eine gute Quelle für Anregungen. Dort findet man unter anderem Bücher und Karten, die es im regulären Handel nicht mehr zu kaufen gibt.

Keine Plagiate

Es versteht sich von selbst, dass fremde Quellen nur für Planung und Recherche genutzt werden dürfen. Wanderungen eins-zu-eins aus dem Internet oder von anderen Vorlagen zu übernehmen ist ein No-Go. Abgesehen vom Plagiatsverdacht, der lange Zeit an dir kleben wird, wird niemand Geld für ein Buch ausgeben wollen, wenn die gleiche Information gratis im Internet zu finden ist.

Auch ein Verlag, dem man ein Buch oder eine Buchidee verkaufen möchte, wird aller Voraussicht nach abwinken, wenn die Touren auf mehr oder weniger Altbekanntem beruhen.

Neues bieten

Als Autor musst du neues bieten. Allerdings ist es dafür nicht nötig, das Rad komplett neu zu erfinden. Fast alle Wanderwege oder Strecken sind heutzutage »irgendwo« zu finden. Du wirst kaum vermeiden können, diese Wege auf die ein oder andere Art zu streifen.

Beispielsweise war es bei meinem Mosel-Buch so, dass der Weg an dieser oder jener Stelle einige Kilometer auf dem bekannten (und gut dokumentierten) Jakobsweg von Koblenz nach Trier verlief. Im Text heißt es dazu später: »Ein Stück weit folgen wir dem Jakobsweg, ehe sich die Wege an der nächsten/übernächsten Abzweigung wieder trennen«. Entscheidend ist, dass der bekannte Weg nach einer gewissen Zeit wieder verlassen wird und die Tour glaubhaft auf einer eigenständig konzipierten Route weitergeht.

Als Faustregel gilt, wenn 30 – 40 % bekannte Wege mit 60 – 70 % neuer Wegstrecke, Route und Information anreichert werden, ist eine gute Mischung für ein neues Buch gefunden.

Ein Sonderfall liegt vor, wenn zu einem bekannten und eingeführten Wanderweg seit langer Zeit nichts Neues mehr erschienen ist. Dann drängt sich ein Buch darüber geradezu auf.

Oder ein neuer Weg, der demnächst eingeweiht werden soll. Je früher man davon erfährt, umso besser. »Early birds« erkennen Trends und liefern Themen, auf die Verlage besonders gern anspringen.

Thema finden

Je nachdem, in welchem Gebiet man wandert, welche Stärken oder Interessen man hat und wie die Zielgruppe definiert ist, können Themenrouten interessant sein.

Thema meines Wanderbuchs war das Pilgern. Manch einer mag sich noch an Hape Kerkeling erinnern, der 2006 mit seinem (überaus lesenswerten) Buch »Ich bin dann mal weg« einen regelrechten Boom des Freizeit-Pilgerns ausgelöst. Er hat damit ein damals völlig neues Wandergenre begründet. Wenig später packten Heerscharen von Lesern ihre Sachen in den Rucksack, griffen nach dem Wanderstock und machten sich auf den Weg.

In der Folge wurden auch heimische Jakobswege wiederentdeckt. Der Droste-Verlag in Düsseldorf hatte die Nase vorn und bediente das Jakobs-Thema auch für Wanderer in der Heimat. Leser sollten ein spirituelles Erlebnis, einen Jakobsweg in Etappen und direkt vor der Haustür finden. Das Ziel wurde mit einer eigenen Buchreihe zum Thema erreicht.

Wander-Themen

Beispiele, wie eine Themenfindung angegangen werden kann.

Mit Kindern

Wer in einem Ballungsraum wohnt, könnte beispielsweise nach der Schablone »Ballungsraum: 15 perfekte Wanderungen mit Kindern« vorgehen.

Der Fokus liegt dann auf Wegen, auf denen man auch mit Buggy und Kind an der Hand noch gut zurechtkommt. Die Wege haben möglichst wenig Treppenstufen und auch der ein oder andere Spielplatz an der Strecke wird mit eingeplant. Man könnte auch ein, zwei Schlenker an den Stadtrand einbauen, wo es Kühe, Schafe, Ziegen oder Hühner zu sehen gibt. Als Ziel wählt man ein Ausflugslokal, in dem Familien mit Kindern gern gesehen und willkommen sind.

Mit Hund

Wie wäre es mit »Gegend: 11 Wanderungen für Herrchen und Hund.« Alle Touren sind so geplant, dass ein Hund auch mal von der Leine gelassen werden kann. Es gibt eine Quelle oder einen sauberen Bach auf der Strecke und natürlich werden Ausflugslokale vorgestellt, in denen du selbst gute Erfahrungen mit einem Hund gemacht hast.

Mit Handicap

Auch für das Wandern mit Handicap existiert eine Zielgruppe, nach der sich die Tpuren inhaltlich richten. Für Rollstuhlfahrer mit und ohne Begleitung werden beispielsweise Wege ausgewählt, die möglichst asphaltiert sind, keine hohen Steigungen überwinden und ohne Treppenstufen auskommen.

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Hör dich bei Freunden, Bekannten und Kollegen um, studiere die Regionalzeitung. Was hat die Menschen am Wochenende beeindruckt, von welchen Freizeitaktivitäten wird am darauffolgenden Montag berichtet?

Rund- oder Streckenwanderung

Rund- und Streckenwanderungen haben jeweils Vor- und Nachteile. Bei einer Rundtour kehrt der Wanderer an den Ausgangspunkt seines Wegs zurück. Das ist in der Regel ein Wanderparkplatz, der Bahnhof oder die nächstgelegene Bushaltestelle.

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Streckenwanderung: Ein Bahnhof an Start und Ziel

Bei einer Streckenwanderung sind Start und Ziel weiter voneinander entfernt. Am Zielort angekommen, muss ein Wanderer wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkehren.

In der Praxis sieht das meistens so aus, dass zwei Teilnehmer beide mit je einem Auto an den Zielort fahren. Dort wird eins der Fahrzeuge abgestellt und beide kehren mit dem anderen an den Startpunkt. Nach der Wanderung besteigen beide Teilnehmer oder Gruppen den zuvor geparkten Wagen und kehren zum Start zurück, um auch das erste Fahrzeug wieder zu übernehmen.

Eine zweite Variante ist ein Bahnhof am Start- und Zielort. In meiner Gegend, wo der Charakter vieler Strecken durch einen Flusslauf geprägt ist, ist das häufig der Fall.

Eine Streckenwanderung mit Heimkehr per Bus kann manchmal heikel werden. Insbesondere am Wochenende sind die Verbindungen auf dem Land noch derart schlecht, dass ein verpasster Bus fast so etwas wie vorübergehende Obdachlosigkeit bedeuten kann.

In dieser Situation ein Taxi aus der nächsten Kleinstadt herzulotsen, kann zu einer Herausforderung werden. Das geht schnell und heftig ins Geld. Für meinen Geschmack ist sehr viel Risiko dabei, deshalb recherchiere ich zwar Busverbindungen und nehme sie ins Manuskript auf, empfehle sie aber nicht ausdrücklich.

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Rundwanderung: Start und Ziel an Bahnhof und/oder Parkplatz



Am besten werden Touren geplant, wenn beides, Fahrzeuge und ÖPNV, berücksichtigt werden. Recherchiere den nächstgelegenen Bahnhof oder Bushaltestelle und notiere die Abfahrts- und Ankunftszeiten. Damit erweiterst du die Zielgruppe um Wanderer, die ohne eigenes Auto unterwegs sind. Wie ein Leser seine An- und Abreise organisiert, bleibt ihm am Ende dann selbst überlassen.

Im zweiten Teil dieses Beitrags geht es um das Exposé für ein Wanderbuch.

Lektorat

In meinem Lektorat geht es – neben der Arbeit am Text – auch um die Themen Konzeptionierung, Manuskript-Platzierung und Positionierung auf dem Buchmarkt. Wer mehr darüber wissen möchte, schreibt mir gern ein, zwei Zeilen. Ich antworte zeitnah.

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Im Beispiel-Lektorat bearbeite ich drei Seiten Text kostenlos. Du erfährst, wie Lektorat geht, wie Texte verbessert werden und an welchen Stellschrauben im Manuskript du noch drehen kannst.

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