10 Gründe für ein Kochbuch-Lektorat

Braucht man ein Kochbuch-Lektorat, oder ist das hinausgeworfenes Geld? Um diese Frage zu beantworten, berichte ich aus meiner Lektorats-Praxis und gebe Tipps für angehende Kochbuch-Autoren.

Wenn ein Kochbuch entsteht, stellt sich irgendwann die Frage nach einem Lektorat für das Manuskript. Ist man dazu bereit und ist es überhaupt sinnvoll, dafür Geld auszugeben? Beim Kochbuch geht es schließlich nicht darum, einen Roman zu erzählen, sondern um klare, gut verständliche Rezepte. Eventuell noch angereichert mit einer Story zu ihrer Entstehung und dem kulinarischen Umfeld. Das war es dann aber auch schon. Sollte man trotzdem noch Geld für ein Lektorat in die Hand nehmen?

So verständlich die Überlegung ist, umso ärgerlicher ist es, wenn Unklarheiten im Text übersehen wurden und wenige Tage nach dem Erscheinen eines Buchs die ersten Bewertungen eintrudeln.

Rezepte ganz brauchbar – wenn man erst mal durchgestiegen ist.

Eine Quiche mit 20 ml Sahne!!! Das sollten wohl 200 sein 🙁

Ein professionelles Sachbuch-Lektorat schützt vor solchen Bewertungen, indem es Text und Inhalt auf mögliche Schwachstellen untersucht.

1 – Rechtschreibung und Zeichensetzung

Rechtschreibung und Zeichensetzung sind auch dann wichtig, wenn es »nur« um ein Kochbuch geht:

  • Mehrrettich statt Meerrettich
  • Loorbeer statt Lorbeer
  • Hollunder (richtig mit einem »l«)
  • Tartar (richtig: Tatar, abgeleitet vom Volksstamm der Tataren)

Fehler sind menschlich und kaum ein Manuskript ist frei davon.

Das Problem liegt in der Fehlerquote und den Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden. Ein Kochbuch mit vielen Rechtschreibfehlern wirkt schlampig. Der Leser schließt
unterbewusst daraus auf die Rezepte. Das Dilemma liegt darin, dass der erste Eindruck später kaum noch revidiert werden kann.

Die automatische Rechtschreibprüfung ist ein erster Schritt, sollte aber nicht zu einem falschen Sicherheitsgefühl führen. Auch Microsoft Word erkennt nicht alle Fehler.

2 – Stringenz

Wenn Maßangaben, Einheiten oder Kochzeiten bunt zusammengewürfelt werden, stören sie den Lesefluss und behindern die Informationsaufnahme. In seine Einzelschritte zerlegt, besteht Kochen aus strukturierten Handgriffen und Abläufen. Genauso strukturiert sollte eine Kochanleitung sein.

Ob du als Maßeinheit Gramm, gr oder g schreibst, bleibt dir überlassen. Aber du solltest sie
einheitlich verwenden. Wenn ein Rezept 1000 g Kartoffeln benötigt, sollte das übernächste nicht mit 1 kg aufwarten. Und wenn alle Rezepte für 4 Personen sind, sollte sich möglichst keines für 4 Portionen dazwischen verstecken.

3 – Innere Logik

Leser merken schnell, ob die innere Logik eines Rezepts stimmt. Passen die Zeitangaben, ist das wirklich so machbar, wie in der Anleitung beschrieben? »In der Zwischenzeit die Zwiebeln schälen und klein hacken.« Bei drei Zwiebeln ist das eine Sache von wenigen Minuten. Bei aufwändigen Gerichten kann das jedoch ganz anders aussehen.

Die Anleitung zur Zubereitung muss für jedes einzelne Rezept geprüft werden. Ideal ist es, wenn ein Rezept sich an einen imaginären Leser richtet, der irgendwo auf einer Skala zwischen Anfänger und semiprofessionell verortet wird.

4 – Formulierung und Stil

Mein Lieblingsbeispiel aus einem bayerischen Kochbuch: »Die Knödel formen und mit den Händen in das kochende Wasser legen« Autsch! Die nächsten Klöße gibt mit bandagierten Fingern. Spaß beiseite: Obwohl jeder weiß, was mit der Formulierung gemeint ist, bleibt der Eindruck hängen, dass die Anleitung, nun ja, suboptimal formuliert ist. Sie hat das Potenzial, ein Rezept nach unten zu ziehen, auch wenn das Gericht noch so gelungen ist.

Wortwiederholungen oder häufige Vertipper wirken unkonzentriert und nerven Leser. In einem Manuskript kam häufig das Wort abschließend vor. Kaum waren die Zwiebeln kleingehackt, folgte ihr abschließendes Anschwitzen in Butter. Gemeint war natürlich anschließend. Kein Drama, sowas kann passieren. Wenn solche Verwechslungen aber häufiger vorkommen, kann ein größeres Problem entstehen. Leser zweifeln dann, ob es sich nur um Sprache handelt, oder vielleicht auch beim Kochvorgang etwas »verwechselt« wurde.

5 – Sprachfallen

Ein bewährtes Kochbuch-Layout besteht aus einem Rezept mit einem beigestellten Rahmen oder Infokasten. Der Kasten enthält beispielsweise Alternativ-Vorschläge zu den verwendeten Zutaten. (»Wer unsere Mousse vegan probieren möchte, nimmt statt Milch xyz …«). So weit, so gut. Aufs Glatteis begibst du dich, wenn die Formulierung mit »schmeckt ebenfalls interessant« verbunden wird, denn in manchen Regionen ist der Ausdruck eine höfliche Formulierung für »das schmeckt mir ganz und gar nicht!«.

In der Health-Küche liest man ab und zu von Nahrungsmitteln ohne Gene oder Moleküle. Das klingt sehr gesund, nur gibt es diese Sachen nirgendwo zu kaufen. Grundsätzlich enthalten alle Nahrungsmittel Gene und Moleküle. Mit der Formulierung sind Fremd- oder Zusatzstoffe bzw. keine genetisch veränderten Produkte gemeint. Ein professioneller Lektor bemerkt solche Fallen und schlägt Alternativ-Begriffe vor, damit die Aussage trotzdem stimmt.

Ein Kochbuch schreiben und als Selfpublisher veröffentlichen

6 – Bläh- und Werbeworte

Wann kam eigentlich das grässliche Wort crunchy auf? Stylisch und trendig spielen in der gleichen Liga. Neuerdings gibt es auch yummy für lecker. Oder fluffig, wenn die Brötchen ganz besonders luftig-locker sind.

Zu einem trendigen Smoothie-Ratgeber mag die Sprache passen. Ich rate dennoch dazu, solche Begriffe mit Vorsicht zu verwenden, denn Kochen an sich kommt mit wenigen, meist frischen Zutaten aus.

Die Werbesprache steht für das genaue Gegenteil: Fertig gekaufte Ware. Mit crunchy und Konsorten riskierst du, dass der Leser nicht an dein perfektes Rezept denkt, sondern an die Zucker-Müsli-Mischung aus der TV-Werbung. Und das wäre schade.

7 – Regional- und landestypische Bezeichnungen

Regional unterschiedliche Bezeichnungen sollten kurz erläutert werden. Doch was sind regionale Bezeichnungen? Du selbst nimmst sie vielleicht gar nicht mehr wahr, weil du sie automatisch benutzt. Ortsfremde Leser stolpern darüber und werden stutzig.

Zu erwarten, dass Leser diese Bezeichnungen googeln, wäre kontraproduktiv, denn welcher Kochbuch-Autor entlässt seine Kunden schon gerne ins Internet. Dort lauert an jeder Ecke ein kostenloses Rezept. Es versteht sich also von selbst, dass regionaltypische Bezeichnungen erklärt werden.

Beispiele für regionale Begriffe

  • Topfen (abgetropfter Quark)
  • Semmel, Schrippe, Rundstück, Weck oder Weckle (alle für Brötchen, auch in Kombination mit »Kaiser-« oder »Laugen-«)
  • Blaukraut (Rotkohl)
  • Dunkelbier (untergäriges, braunes Bier)
  • und vieles mehr …

8 – Zutaten

Bei exotischen Zutaten hat es sich bewährt, Alternativen aufzuzeigen. Nicht jeder Leser wohnt in einer Großstadt und selbst dann hat manch einer keine Lust, wegen einer einzigen Zutat die halbe Stadt abzuklappern. Eine gebräuchliche Formulierung für eine Zutaten-Alternative wäre beispielsweise: »250 g Topfen, wahlweise abgetropfter Quark«.

Die Zutatenliste sollte doppelt und dreifach geprüft werden. Für eine Zutat, die in der Liste aufgeführt wird, aber im eigentlichen Rezept nicht vorkommt, hat ein Autor die Gelbe Karte verdient. Die Rote Karte gibt es, wenn in der Zubereitung ein Produkt verlangt wird, das in der Zutatenliste fehlt.

9 – Hardware

Auch wenn du die Umluft-Temperatur im Schlaf herunterbeten kannst, wird ein Leser ohne passenden Herd nicht viel damit anfangen können. Dein Job im Vorfeld ist es, Rezepte auch mit Ober- und Unterhitze zu testen und deinem Leser beide Temperaturen mitzuteilen.

Gasherde führen in Deutschland ein Minderheitendasein. Ob du Gas erwähnst, bleibt dir überlassen. Andererseits steigen gerade ambitionierte Hobbyköche auf das Kochen mit Gas um. Wenn du in diesem Segment punkten möchtest, solltest du auch Zeit und Temperatur für das Kochen mit Gas berücksichtigen.

Küchenmaschine, Mixer, Pürierstab. Kann ein Hobbykoch deine Rezepte auch nachkochen, wenn er diese Geräte nicht hat? Wenn ja, erwähne das und erkläre kurz, wie es geht. Den Mehrwert werden deine Leser dir danken.

Ein Backblech gehört zur Grundausstattung eines Küchenherds. Ein Muffin-Blech ist dagegen schon eher etwas, was zusätzlich angeschafft wurde. Ähnlich ist es mit Muffinförmchen, der Kartoffelpresse und tausend anderen Dingen. Stell dir einen Durchschnittsleser vor und überlege, bei welchem Gerät ein Ersatz-Tipp angebracht sein könnte.

10 – Storytelling

Besonders Anekdoten oder kleine Geschichten, die zu einem Rezept erzählt werden, tragen zum Gesamteindruck eines Kochbuchs bei. Stil, Ausdruck und Grammatik müssen passen und der rote Faden über das gesamte Projekt erkennbar bleiben.

Lektorat für Kochbuch-Autoren

Ein Kochbuch-Lektorat ist weniger aufwendig, als beispielsweise das Lektorat für einen Roman. Deshalb sind die Kosten um einiges geringer.

Natürlich macht es einen Unterschied, ob 50 oder 500 Rezepte geprüft werden. Wenn du eine zweite Meinung möchtest, kannst du mir gerne zwei, drei Musterseiten schicken und etwas über dein Projekt erzählen. Ich melde mich mit einer ersten Einschätzung zurück.

Lesetipp

Ein guter Startpunkt für koch-spezifische Sprach-Entdeckungen ist das kulinarische Online-Glossar.

© Beitragsfoto: Annie Spratt, Unsplash

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